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Interview: Volker Mehrmann wird neuer EMS-Präsident

Volker Mehrmann wurde auf der Jahrestagung der European Mathematical Society (EMS) zum neuen Präsidenten gewählt. Er wird seine vierjährige Amtszeit am 1. Januar 2019 antreten. Lesen Sie im Interview, was er sich auf die Agenda gesetzt hat.






Herr Mehrmann, herzlichen Glückwunsch, Sie wurden am Wochenende auf der Jahrestagung der European Mathematical Society EMS zum neuen Präsidenten gewählt. Zu Ihren Vorgängern gehören so namhafte Persönlichkeiten wie Friedrich Hirzebruch und Jean-Pierre Bourguinon. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?

Es ist natürlich eine große Ehre für mich und eine große Verantwortung, verbunden mit dem Auftrag, Dinge zu verändern.

Erläutern Sie doch bitte zu Beginn: Welche Aufgabe hat die EMS?

Als europäische Dachorganisation ist die EMS einerseits die Vereinigung aller Europäischen Mathematikervereinigungen und auch der Überbau von Forschungsinstituten wie Oberwolfach im Schwarzwald oder dem Mittag-Leffler-Institut in Schweden. Und ihr gehören über 3000 persönliche Mitglieder an. Sie ist also auch die Standesorganisation der Europäischen Mathematiker und Mathematikerinnen. Hierbei sprechen wir immer vom geografischen Europa, das außer der EU auch Länder wie Russland, Georgien und die Türkei einschließt.

Die EMS hat vielfältige Aufgaben: Sie organisiert Tagungen, Workshops, Summerschools. Sie macht Lobbyarbeit für die Mathematik in Brüssel. Sie bringt sich bei Forschungsprogrammen wie Horizon 2020 ein und macht Vorschläge für die Besetzung von Gremien wie den European Research Council ERC oder das Abel-Preis-Komitee. Wir haben eine Ethik-Agenda zum Thema Publizieren und Plagiat ausgearbeitet. Es gibt ein Education-Komitee, in dem wir an gemeinsamen europäischen Bildungsstandards arbeiten. Wir fördern Entwicklungsländer zum Beispiel in Nordafrika, indem wir dort Zentren aufbauen und Veranstaltungen sponsern. Und nicht zuletzt hat die EMS auch einen Verlag, das Publishing House, in dem wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher herausgegeben werden.

Sie werden ihre vierjährige Amtszeit am 1. Januar 2019 antreten. Was sind Ihre wichtigsten Anliegen?

Ich habe mir verschiedene Punkte auf die Agenda geschrieben. Zum einen die Kooperation und Kommunikation innermathematisch zwischen reiner und angewandter Mathematik. Und auch interdisziplinär zwischen der Mathematik und diversen anderen Wissenschaften, in denen die Mathematik eine Rolle spielt – Physik, Informatik, oder auch Biologie – wir haben gerade das Jahr der mathematischen Biologie.

Das ist tatsächlich immer noch nötig? Frage ich jetzt aus der Berliner Perspektive, wo das ja im Rahmen von Matheon schon länger etabliert ist.

Ja. In den Gründungszeiten zu Beginn der 1990er Jahre war die EMS stark von der reinen Mathematik dominiert. Auch wenn das mittlerweile schon anders ist, sind Disziplinen wie etwa die Statistik und die mathematische Biologie immer noch unterrepräsentiert. Und das möchte ich gerne ändern, damit die gesamte Mathematik abgedeckt und anerkannt wird – und zusammenarbeitet.

Darüber hinaus ist mir das Thema Schul- und Lehrerausbildung sehr wichtig, denn da krankt es gerade in allen Ländern.

Und ein dritter Punkt sind die sehr unterschiedlichen mathematischen Kulturen in verschiedenen Teilen Europas. So ist beispielsweise die angewandte Mathematik in den westeuropäischen Ländern sehr gut ausgebaut und vernetzt und wird auch gesponsert. In Osteuropa ist sie dagegen kaum vertreten. Auf diesem Feld habe ich auch schon in den letzten Jahren viel gearbeitet.

Wie wollen Sie diese Aufgaben konkret angehen?

Was den letzten Punkt betrifft: Da bauen wir gerade in jedem der Länder Netzwerke auf, die der Industrie als Partner zur Verfügung stehen, wenn es Forschungsprojekte gibt. Wir haben das beispielsweise in Ungarn, Tschechien, Rumänien, Bulgarien etabliert. Das bedeutet konkret, dass Firmen, die dort produzieren lassen, nicht nur Produktionsmittel dort lassen sondern auch Forschungsmittel. Dazu muss die mathematische Zunft vor Ort organisiert und sichtbar sein. Und das versuchen wir zu stärken.

Woran liegt es, dass eine solche Kultur dort noch nicht etabliert ist?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen die Kultur vor der Wende. Damals war vieles in Akademien organisiert, weniger in Unis und Forschungszentren. Wesentlich ist aber, dass nach der Wende die Industrie, die schon zuvor nicht so stark war, teilweise komplett weggebrochen ist. Mittlerweile erholt sich das langsam, einige Firmen lassen dort produzieren. Im IT-Bereich sind etwa die Baltischen Staaten weit vorn. Und so gibt es viele Firmen, die Mathematik brauchen.

Was können Sie beim Schulthema konkret tun?

Das ist ein regelrechter Moloch, wo ich persönlich vermutlich gar nicht so viel ausrichten kann. Aber es ist ein unglaublich wichtiges Thema, bei dem wir uns als EMS mit einer Kommission schon seit Jahren engagieren. Zum Beispiel haben wir bereits 2000 erarbeitet, was in einen Schullehrplan gehört – für alle Schüler*innen, nicht nur die, die Mathe studieren wollen, sondern auch die späteren BWLer, Biologen, Ingenieur*innen. Es ist ein schwieriges Feld, wie wir ja auch aus Deutschland wissen, aber ich werde mich weiter für gemeinsame europäische Standards in der Schul- und Lehrerausbildung einsetzen.

Darüber hinaus haben wir eine sehr gute Kommission zur Öffentlichkeitsarbeit, deren Sprecherschaft gerade aus Berlin von Ehrhard Behrends an der Freien Universität nach Italien umgezogen ist. Dort wird das weiterentwickelt in die Richtung, die wir hier am Matheon schon seit vielen Jahren in Sachen Öffentlichkeit und Schulen eingeschlagen haben. Eine Idee ist es beispielsweise, den digitalen Mathe-Adventskalender europäisch werden zu lassen.

Wird dabei auch mit Lehrern zusammengearbeitet? Und sind Lehrer auch in der EMS engagiert?

Ja, in einigen Ländern sind die mathematischen Gesellschaften sogar sehr stark lehrerorientiert. In der EMS selbst sind Didaktiker*innen auch integriert und es gibt das Education-Komitee. Letztlich müssen wir unsere Ideen und Konzepte dann wirklich in die Länder tragen, trotz mancher Stolpersteine, die uns dabei erwarten. Manchmal ist es allerdings sogar leichter, mit Europa zu argumentieren, als beispielsweise gegenüber den Bundesländern mit bundesweiten Initiativen oder Regelungen.

Hinsichtlich der Kooperation zwischen den Disziplinen und Wissenschaften können Sie auf die erfolgreiche Arbeit am Matheon zurückgreifen.

Ja. Und ich denke, das ist auch einer der wesentlichen Gründe dafür, dass ich gefragt worden bin, diese Aufgabe zu übernehmen, und dass ich gewählt wurde. Viele haben erkannt, dass es auf diesem Gebiet eine Notwendigkeit zu Veränderung gibt, aber nicht unbedingt viele Persönlichkeiten, die dafür stehen, das auch zu leben, einzubringen und zu verfechten, und die auch gewisse Leitungsfähigkeiten haben. Ich war ja schon GAMM Präsident und Matheon-Sprecher. Außerdem bin ich seit einigen Jahren EMS-Vizepräsident und sitze schon länger in den entsprechenden Gremien, insofern ist das Disziplinen- und Fächerübergreifende auch jetzt schon ein wesentlicher Teil meiner Arbeit.

Insbesondere gilt es, dieses Miteinander zu stärken, ohne dass die Balance gestört wird und ohne dass die Leute Angst um ihre Pfründe haben müssen. Aber einfach wird es nicht. Die Kulturen sind doch noch sehr unterschiedlich; in einigen Ländern ist noch vieles sehr hierarchisch orientiert mit ein paar Superstars an der Spitze einer großen Pyramide.

Mit ihrem Amt werden Sie auch Lobbyist für die Mathematik in Brüssel. Was werden Ihre Hauptanliegen dort sein?

Ein zentraler Punkt ist es, in Brüssel zu verankern, dass die Mathematik Zugang zu den Töpfen für die Technologieförderung bekommt. Im Moment wird die Mathematik im wesentlichen durch den European Research Council ERC gefördert, wir bekommen also Advanced, Starting und Consollidator Grants. Für viele Leute in Brüssel reicht das in Richtung Mathematik aus. Dabei wird einfach ignoriert, dass die Mathematik ein zentraler Bestandteil von Technologieentwicklung auf allen Stufen ist. Entsprechend sind wir bei den Programmen zur Technologieförderung weitgehend außen vor. Und das muss geändert werden.

Wie wollen Sie das erreichen?

Das ist natürlich sehr schwierig, denn Lobbyarbeit in Brüssel ist im allgemeinen nicht so einfach, wenn man nicht etwas vorzuweisen hat. Also haben wir unser Anliegen in den letzten Jahren mit unserer Sub-Organisation EU-MATH-IN vorangetrieben, die die Zusammenarbeit zwischen Mathematik und Industrie fördert. Mit dem Erfolg, dass die EU inzwischen mit uns redet. Nicht direkt mit uns aus der Mathematik, sondern mit den Industriepartnern aus unserem Netzwerk, die sagen: Wir brauchen die Mathematik. Und das ist unsere Chance.

Dass die Mathematik in Brüssel keinen interessiert, daran sind – mal bösartig gesprochen – einige Kollegen nicht ganz unschuldig. Die EMS hatte Anfang der 90er Jahre durchaus erfolgreich lobbyiert. Und dann gab es mal eine Umfrage unter Fields-Medaillen- und Nobelpreis-Gewinnern, was man denn so in den nächsten Jahren brauche. Unsere Fields-Medaillen-Gewinner haben entweder gar nicht geantwortet oder gesagt: Wir brauchen nur Papier und Bleistift. Und damit war die Förderung für Mathematik erst mal vom Tisch.

Kommen wir nochmal zurück zu Berlin: Wie viel europäische Mathematik steckt denn in der Berliner Mathematik und wie viel Berliner Mathematik in Europa?

Die Berliner Mathematik ist ausgesprochen engagiert und gut repräsentiert in den europäischen Gremien – ich nenne hier nur Jürg Kramer und Bettina Rösken-Winter von der HU im Bereich Didaktik, Ehrhard Behrends und Dirk Werner von der FU bei der Öffentlichkeitsarbeit beziehungsweise in der Ethikkommission. Insofern schaut man sich in Europa an, wie die Dinge in Berlin laufen.

Was Europa in Berlin angeht: Wenn ich meine Arbeitsgruppe betrachte, sehe ich Leute aus Griechenland, der Schweiz, Italien, den Niederlanden – die Hälfte meiner Doktorand*innen sind aus europäischen Ländern. Auch bei der BMS liegt der Anteil bei etwa einem Viertel.

Wie sieht es denn überhaupt mit der Nachwuchsförderung in Europa aus?

Die Nachwuchs- und Frauenförderung sind auch wichtige Themen, die auf der europäischen Ebene zu kurz kommen und wo es zwischen den einzelnen Ländern große Unterschiede gibt. Das haben wir sehr extrem gesehen in Folge der Finanzkrise 2008. Da haben die jungen Leute in Griechenland, Spanien, Portugal, Italien keine Stellen mehr bekommen, weil es keine Stellen mehr gab. Auch deswegen sind sehr viele hier in Deutschland. Dieses Ungleichgewicht muss behoben werden.

Und wie?

In diese Länder müssen Gelder fließen, die jungen Leute müssen ertüchtigt werden, Anträge zu schreiben. Dazu muss man sie zusammenbringen und Ihnen Verantwortung übertragen, in Sommerschulen oder selbstorganisierten Aktivitäten, die man unterstützt, damit sie das lernen und auch sichtbar werden.

Auch die Frauen müssen sichtbarer werden und da können wir bei der EMS anfangen. Wir haben gerade die „European Women in Mathematics“ als weitere Gesellschaft aufgenommen, um die Kooperation und Kommunikation zu verbessern. Frauen müssen auch in unseren Kommissionen und den Editorial Boards der Journals adäquat repräsentiert sein.

Zu dieser Strategie gehört auch, dass Sie mit Betül Tanbay jetzt eine Vizepräsidentin an Ihrer Seite haben.

Ja. Sie ist Professorin an der Istanbuler Bogazici Universität und tritt sehr offensiv für ihre Belange und auch für die Demokratie ein. Es war mein Wunsch, eine Frau auf diesem Posten zu haben und eine Persönlichkeit, die auch die Länder repräsentiert, die nicht zu den klassischen EU-Ländern gehören. Das ist ein ganz entscheidender Punkt, wo wir auch ein bisschen helfen können, Schranken abzubauen und Vorbilder zu schaffen.

Was ändert sich für Ihren Berufsalltag mit der Übernahme des Amtes?

Es wird sicher mehr Bürokratie geben. Ich werde noch mehr auf Reisen sein, und das verträgt sich schlecht mit dem regulären Semesterbetrieb. Insofern werde ich in erster Linie weniger Lehre machen oder sie zumindest mehr in Blockkursen organisieren. Ich denke, in der Forschung wird es keine Abstriche geben. Denn viele der Sachen auf meiner Agenda haben mit Forschung zu tun und damit, Forschungsprojekte durchzuführen.

Freuen Sie sich denn auf Ihre neue Aufgabe?

Ehrlich gesagt wollte ich dieses Amt ursprünglich nicht übernehmen. Den Job als Vizepräsident habe ich damals nur angetreten unter der Voraussetzung, dass ich nicht Präsident werden muss.

Und was hat Sie jetzt umgestimmt?

Es haben mich viele Leute gefragt, da steht man automatisch in Verantwortung. Und ich habe auch Lust, bestimmte Dinge zu verändern. Ich hoffe, das bleibt in den nächsten Jahren auch noch so.



Termin:
29.06.2018
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